Der Spitzel

Der Spitzel 

 

Heute holt Carsten seine Frau Heidi von der Arbeit ab.

Heidi ist meine Büro-Kollegin und wir sind fast so etwas wie Freundinnen inzwischen.

Carsten holt seine Frau häufiger von der Arbeit ab. Er ist stets  hervorragend modisch abgestimmt gekleidet, hat vollendete Umgangsformen und ist ein Gentleman, wie man ihn heute selten findet.

Darüber hinaus ist er auch noch ein Bild von einem Mann, groß, athletisch gebaut und gut durchtrainiert, angenehme Gesichtszüge und dichtes pechschwarzes Haar.

Heimlich beneide ich Heidi jedes Mal um ihren fast zu perfekten Ehemann und kann kaum glauben, dass so ein unscheinbares farbloses, etwas pummeliges Mäuschen einen solchen Adonis halten kann.

Heute jedoch hatte ich ganz andere Gedanken, als Carsten seine Frau abholte.

Das war ein anderer Carsten! Er brachte kaum einen Gruß zwischen den Zähnen hervor, sah total verquollen aus und wirkte in sich zusammen gefallen. Auch die Socken passten nicht zur Farbe der Hose, bisher ein Unding für Carsten.

Zitternd am ganzen Körper presste er nur auf meine Nachfrage hin hervor, dass „die Schweine“ (sein Arbeitgeber) ihn an Handschellen durch seine eigene Dienststelle abgeführt hätten, in der er seit vielen Jahren als Offizier im Polizeidienst tätig ist.

Ich konnte mir keinen Reim darauf machen und Carsten konnte es mir in diesem Zustand, in dem er sich gerade befand, auch nicht erklären.

Gleichwohl hatte er das Bedürfnis, darüber mal mit einem „Außenstehenden“ zu reden und wir verabredeten uns in einem Restaurant.

Als wir uns dort wenige Tage später trafen, hatte Carsten seine Fassung wieder etwas zurück gewonnen. So berichtete er mir im folgenden Gespräch über sein bisheriges Leben:

Weißt Du, ich spreche nicht gern über meine Kindheit. Aber die jetzigen Ereignisse haben so eng damit zu tun, dass ich wohl doch ein wenig ausholen muss über meine Kindheitserinnerungen.

Ich bin in einem kleinen Dorf in Brandenburg aufgewachsen. Jeder kannte Jeden, das halbe Dorf war verwandt miteinander.

Unsere Familie galt als kinderreich, ich habe fünf Geschwister und war das dritte Kind meiner Eltern.

Unsere Eltern kümmerten sich eigentlich nicht viel um uns, denn meine Mutter war Alkoholikerin, mein Vater schlug schnell mal zu, wenn es ihm zu viel wurde.

So waren wir uns viel selbst überlassen, mussten zusehen, wie wir an Essen kommen und uns kümmern, damit wir halbwegs anständig gekleidet in die Schule gehen konnten.

Im Dorf waren wir verschrien als asoziale Familie.

Zum Glück gab es auch Menschen, die Mitleid mit uns hatten uns sich ein wenig um uns kümmerten. Ich hatte mich an eine entfernte Tante gehängt, die selbst keine Kinder hatte. Bei ihr schlüpfte ich manchmal unter, wenn es zu Hause ganz schlimm war.

Dank meiner Tante entwickelte ich auch mit der Zeit den Ehrgeiz, in der Schule gute Leistungen zu erlangen, damit mich nicht alle so verächtlich ansehen.

Ich versuchte, meine Schulsachen immer vollständig zu haben und erledigte meine Hausaufgaben immer häufiger bei meiner Tante oder in der Schule.

Langsam lernte ich auch, meine Kleidung selbst zu waschen, denn der Spott der Mitschüler wurmte mich immer sehr. Zumal sie ja Recht hatten, dass ich oft schmutzig und verlottert aussah. Das sollte sich mit den Jahren ändern, das schwor ich mir.

In der sechsten Klasse wurde mein Klassenlehrer, der ja unsere Familienverhältnisse und meine Geschwister kannte, auf mich aufmerksam.

Er nahm mich eines Tages zur Seite und lobte über die Maßen meinen Kampfgeist, mich an den eigenen Haaren aus dem „Mist“ zu ziehen.

Geraume Zeit hatte er mich beobachtet und war sehr beeindruckt von meinem Willen. Er bot mir während der gesamten Schulzeit an, mich zu unterstützen und meine Bemühungen zu begleiten. Dieser Lehrer war überzeugt davon, dass aus mir etwas werden kann.

Mit den Worten:

„Carsten, Du hast einen enormen Willen und auch noch Grips im Kopf. Da kannst Du es im Leben ganz weit bringen. Bleibe dran und ich werde Dich gern dabei unterstützen.“

Das erste Mal glaubte jemand an mich und öffnete damit in meinem Kopf eine Tür, die ich vorher noch nicht gesehen hatte. Jemand hielt es für vorstellbar, dass ich aus diesem „Sumpf“ meiner Umgebung entkomme und ein viel besseres Leben haben kann.

Damit war der Startschuss zu meinem neuen Leben abgefeuert worden.

Mit all meiner Kraft bemühte ich mich nun um persönliche Höchstleistungen in der Schule, steigerte ebenfalls meine sportlichen Leistungen und achtete noch stärker auf mein Aussehen.

Ich fing nun auch an, bei anderen Dorfbewohnern um kleinere Arbeiten zu betteln, um mir ein Taschengeld zu verdienen. Damit konnte ich mir die ersten eigenen Kleidungsstücke kaufen.

So langsam merkte ich, dass ich ganz allein in der Lage war, mein Leben in die Hand zu nehmen und Herr darüber zu werden.

Zu dieser Zeit, es war der Beginn der 10. Klasse, nahm mich mein „Ziehlehrer“ (dem ich blind vertraute) zur Seite mit folgenden Worten:

„Carsten, Du bist nun schon so weit gekommen in Deiner Entwicklung. Lass uns einmal darüber beraten, wie es nach der Schule weitergehen soll.

Du weißt ja, wie viel der Staat bisher schon in Dich investiert hat (die DDR). Da wäre es ein cleverer Schachzug von Dir, wenn Du Dankbarkeit zeigst und dem Staat etwas davon zurückgibst.“

Erst einmal wusste ich nicht genau, worauf mein Lehrer hinaus wollte. Aber ich wollte auf keinen Fall undankbar sein, da sich doch schon so viel in meinem Leben positiv verändert hatte.

Mein Lehrer erklärte sich auch sofort:

„Wenn Du Dich nach der Schulzeit bereit erklärst, drei Jahre in der Volksarmee zu dienen, stehen Dir alle Türen in diesem Staat offen. Entweder entschließt Du Dich in dieser Zeit, Berufssoldat zu werden oder Du kannst im Anschluss ein Studium absolvieren. Wir werden Dich auf diesem Wege voll unterstützen.“

Natürlich stellte sich für mich überhaupt nicht die Frage, dieses tolle Angebot abzulehnen. Denn zusätzlich zu den genannten Vorteilen hieß dies ja für mich, ich komme endlich weg aus meinem Elternhaus, habe vielleicht eine Art „Ersatzfamilie“ bei der Armee und bekomme auch noch Geld, so dass ich unabhängig war.

Mit fliegenden Fahnen sagte ich zu und konnte den Beginn meiner Armeezeit gar nicht erwarten.

Auch, wenn sich das für Dich jetzt seltsam anhören mag, die Zeit bei der Armee war die Glücklichste meines Lebens.

Ich kam zu den Grenzern! An die Westgrenze zur BRD!

Alles, was ich bisher entbehrte, verschwand ab sofort wie von selbst. Stattdessen gab es saubere tolle Uniformen und andere Kleidung, ein vernünftiges Bett, ein eigenes Spind, geregelte Malzeiten, geregelte Tagesabläufe, Ordnung! Ich liebte das alles!

Die sportlichen Herausforderungen gefielen mir am meisten. Sport fiel mir leicht, ich konnte dort schnell gute Ergebnisse abliefern und erhielt Anerkennung.

Im dritten Jahr meiner Armeezeit nahm mich ein Offizier, den ich gut kannte, zur Seite. Er lobte meinen überdurchschnittlichen Einsatz für die Verteidigung unseres Vaterlandes und betonte immer wieder, dass er stolz darauf wäre, so einen überzeugten Mitstreiter in seinen Reihen zu betreuen.

Dann senkte er seine Stimme und erklärte mir „im Vertrauen“, dass leider nicht alle meiner Kameraden solch eine positive Überzeugung zum Vaterland hätten.

Darüber hatte ich mir bisher keine Gedanken gemacht, da für mich selbstverständlich war, dass dieser Staat alles für uns tat und wir aus diesem Grund natürlich dankbar sein mussten.

Mein Vertrauensoffizier bat mich nun mit verschwörerischer Stimme: „Bitte höre Dich ein wenig um unter den Kameraden. Wenn jemand vom rechten Weg abkommt, gebe mir einfach Bescheid. Wir werden dann mit diesem Kameraden in Ruhe sprechen, um ihn wieder auf den richtigen Weg zu bringen.“

Das leuchtete mir ein und gern wollte ich ihn bei dieser wichtigen Aufgabe unterstützen.

Fortantrafen wir uns einmal im Monat. Ich kam mir wichtig vor, dass mir solch ein Vertrauen geschenkt worden war und ich mithelfen durfte bei der Aufklärung von Missverständnissen in Bezug auf Kameraden.

Natürlich berichtete ich euphorisch über alle beobachteten Bemerkungen meiner Kameraden, auch über spaßhafte Ergüsse einzelner „über die Grenze abzuhauen bei Nacht“. Für meine kleinen Berichte erhielt ich stets viel Lob, was mich natürlich weiter anspornte und mich aufmerksamer zuhören ließ.

Am Ende meiner Armeezeit entschied ich mich, weiterhin meinem Staat aktiv dienen zu wollen und meldete mich zur Ausbildung bei der Polizei.

Nahtlos ermöglichte man mir ein Studium dort zur Offiziersausbildung.

In stillen Minuten wurde mir manchmal klar, dass ich davon in meinen wildesten Träumen früher nicht zu träumen gewagt hatte.

Ich war so stolz auf mich, niemals sollte dieser Weg enden.

Mein Offiziersstudium war hart, aber ich verlor mein Ziel nie aus den Augen und kämpfte mich durch.

Den Kontakt zu meiner gesamten Familie hatte ich längst abgebrochen. Nur meine Tante besuchte ich gelegentlich und meinen „Lieblingslehrer“ aus der Schule. Ihnen hatte ich vieles zu verdanken.

Die Jahre nach meinem Studium waren wie ein Rausch. Beruflich hatte ich es weiter gebracht, als je erträumt. Ich war ein geachteter Mann.

Inzwischen hatte ich auch meine Traumfrau, Heidi, kennen gelernt. Sie hatte alles, wonach ich immer suchte. Viel Mütterliches, ein extrem heiteres Gemüt und ein gutes Händchen für ein gemütliches „Nest“.

Als unser Sohn Alexander auf die Welt kam, war mein Glück perfekt. Ich hatte bereits alles im Leben für mich mögliche erreicht und hätte gern die Zeit an dieser Stelle angehalten.

Leider lässt sich die Zeit nicht anhalten und so nahm das Unheil bald darauf seinen Lauf!

Für mich hieß das Unheil „Wende in der DDR“. Ich wusste es nur noch nicht zu diesem Zeitpunkt.

Als der Umbruch mit all seinen Querelen vollzogen war und wir plötzlich Bundesrepublik Deutschland hießen, begann für unsere Familie ein Albtraum.

Man legte fest, dass wir als Offiziere der Volkspolizei der DDR so nicht in das neue System übernommen werden konnten. Wir waren ja „staatsnah im sozialistischen System“, was nun in irgendeiner Form „abgestraft“ werden musste.

Alle Polizisten mit einer höheren Qualifikation wurden im Schnellverfahren erst einmal auf eine „weiße Weste“ hin überprüft. Dazu gehörte auch eine eigene Aussage, ob man für die STASI (Staatssicherheit der DDR) gearbeitet hat. Wer dem Stand hielt, wurde zum einfachen Soldaten degradiert und musste wieder auf Streife gehen im neuen Deutschland. Das war ein herber Schlag für mich und mein Ego, denn mein Studium war hart genug erkämpft worden.

Meine Frau und ich beratschlagten lange darüber und schließlich fand ich mich mit der Situation ab. Mir wurde nach einer Weile auch wieder die Möglichkeit eingeräumt, berufsbegleitend nochmals die Offiziersausbildung zu absolvieren.

Dem stimmte ich zu, obwohl diese zusätzliche Belastung ein Problem war für unsere Familie. Denn meine Frau arbeitete als Europasekretärin im Außenministerium und unser Sohn war erst 2 Jahre alt.

Ein Teil des zeitlichen Problems löste sich kurz danach auf, da auch meine Frau kurzerhand entlassen wurde als nicht tragbar, da sie zuvor ebenfalls als „staatsnah“ tätig galt.

Damit hatte dieser neue Staat uns als Familie innerhalb kürzester Zeit sozusagen die Existenz entzogen. Meine Frau fiel nach ihrer Entlassung erst einmal emotional in ein tiefes Loch.

Finanziell war unser Loch bereits vorhanden durch die beruflichen Veränderungen und es wurde langsam größer.

Manchmal dachte ich bei mir, ob wir all unser Lebensglück schon „aufgebraucht hatten“?

Bald siegte jedoch mein Kampfgeist wieder. Ich hatte gehört, dass in unserem Kiez (inzwischen wohnten wir schon einige Jahre in Berlin) unser Fleischer eine Sekretärin suchte. Fast schleifte ich meine Frau zu ihm, da sie noch immer keinen neuen Lebensmut gefasst hatte, und stellte sie ihm vor.

Er war ein ziemlich grobschlächtiger Geselle von einfacher Natur und sehr jähzornig. Meine Frau aber wusste genau mit dieser Art gut umzugehen und brachte den Fleischer mit spitzen Bemerkungen immer schnell wieder auf den Boden der Realität.

Zugute kam ihr dabei, dass sie selbst aus einer Fleischerfamilie stammte und deshalb sowohl den rauen Umgangston dort kannte als auch das teilweise unappetitliche Umfeld von halben Schweinehälften und Rinderviertels, die auf dem Weg zu ihrem Büro zu „umschiffen“ waren.

Jedenfalls arbeitete Heidi von nun an mehrere Jahre bei unserem Fleischer im Büro. Das füllte zwar unsere Haushaltskasse nur wenig auf, da die Bezahlung unterhalb des Vorstellbaren lag. Jedoch hatte sie eine regelmäßige Arbeit und konnte unseren Sohn gut betreuen, da die Fleischerei ja ganz in der Nähe war.

Für mich und mein Zusatzstudium ergab sich durch diese Regelung ein wenig Entspannung.

Nun würde es mit uns auch wieder aufwärts gehen, da war ich mir ganz sicher. So einen Kämpfer wie mich haut nichts um, sagte ich mir immer wieder.

Diese Normalität im Alltag währte allerdings nicht lange, wie ich bald erfahren sollte.

An einem ahnungslosen Morgen, als ich meinen Dienst antreten wollte, traf mich fast der Schlag. Zwei Uniformierte fingen mich an meinem Spind ab, nahmen mir den Spindschlüssel und alle anderen Schlüssel zum Dienstgebäude ab und legten mir Handschellen an.

Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Es musste sich um einen Irrtum handeln. Ich hatte mir nichts zu Schulden kommen lassen. Die ganze Angelegenheit war so peinlich, durch die eigene Dienststelle in Handschellen abgeführt zu werden.

Mein Protest und meine Drohungen halfen mir kein bischen. Ich wurde zum Polizeipräsidenten gebracht und dort unsanft auf einen Stuhl geschubst.

Der Polizeipräsident sah mich lange mit vernichtendem Blick an und belle dann los:

„Sie Stasischwein! So etwas in unseren Reihen! Sie haben eine schwere Straftat begangen! Sie haben einen Meineid geschworen!“

Ich war immer noch völlig überrumpelt und verwirrt, hatte keine Idee, was die vorn mir wollten. Immerzu schüttelte ich den Kopf, irgendwann brachte ich ein genuscheltes „Irrtum“ hervor.

Da schoss mein Gegenüber mit hochrotem Kopf hinter seinem Schreibtisch hervor und brüllte:

„Wie bitte? Sagten Sie Irrtum? Dass ich nicht lache!

Wie bitte bezeichnen Sie das, wenn „IM Assi“ haarklein Berichte über seine Kameraden verfasst bei der Armee und damit Schicksal über Andere spielt?“

Damit klatschte er mir eine nicht ganz kleine Stasiakte vor die Nase und reckte sein Kinn noch weiter kampfeslustig vor.

Mir lief es eiskalt den Rücken herunter. Niemals hatte ich bei der Armee damit gerechnet, dass ich als „IM“ geführt wurde. Von Berichten in Schriftform wusste ich nichts. So langsam dämmerte es mir, die musste mein Vertrauensoffizier nach unseren Unterhaltungen verfasst haben.

Natürlich hatte ich bei Übernahme in den Polizeidienst der BRD dafür unterschrieben, nie mit der Stasi zusammen gearbeitet zu haben. Nie war mir in den Sinn gekommen, dass meine naiven Unterhaltungen Berichte für die Stasi waren.

Mir wurden noch in der Dienststelle Uniform, Waffe und alles andere abgenommen. Bis an die Tür der Dienststelle wurde ich weiterhin in Handschellen abgeführt.

Ich war in Unehren entlassen!!! Das Leben war vorbei! Wer nimmt noch „ein Stück Brot“ von mir jetzt? Alles ist sinnlos! Wozu weiter kämpfen? Nichts hat mehr Sinn!

Es war jetzt, als würde Carsten aus einem Traum erwachen. Er sah anklagend und etwas feindselig zu mir und bellte los: Was soll ich denn nun machen? Nicht mal erschießen kann ich mich, weil mir meine Waffe abgenommen wurde.

Er sank wieder in sich zusammen und starrte vor sich hin.

Nach ein paar Minuten brütenden Schweigens versuchte ich es vorsichtig mit ein paar ermunternden Worten:

Carsten, Du hast Dich bisher immer wieder hochgekämpft. Du kannst jetzt nicht aufgeben. Alexander und Heidi brauchen Dich. Sie sind verloren ohne Deine starke Schulter.

Bei dem Gedanken an Alexander ging in der Tat ein kleiner Ruck durch Carstens Körper.

Du hast Recht, irgendwie muss ich es wieder hinbekommen. Hast Du eine Idee, wie das aussehen soll?

Wir setzten uns ein paar Tage später wieder zusammen und machten einen Plan:

Carsten sollte versuchen, alle seine Stärken und Kenntnisse aufzulisten. Im Anschluss überlegten wir beide, welchen beruflichen Tätigkeiten man diese Eigenschaften zuordnen kann.

Es kamen einige Berufsvarianten dabei heraus und Carsten fasste wieder etwas Mut.

Er stürzte sich mit vollem Eifer auf Stellenanzeigen aller Art, die nur irgendwie infrage kommen könnten für ihn.

Die 1990er Jahre waren allerdings nicht rosig für Stellensuche. Viel Auswahl hatte er nicht.

Bei einigen Stellenangeboten war unter anderem auch ein „Polizeiliches Führungszeugnis“ gefordert. Das war natürlich gleich wieder ein Schlag in Carstens Magengrube. Denn solch ein Zeugnis konnte er nicht guten Gewissens beibringen durch seine unehrenhafte Entlassung.

Nach wochenlangem Suchen und Bewerben blieben ihm keine sehr attraktiven Möglichkeiten mehr. Verzweifelt nahm er den ersten Job, den er bekommen konnte, an. Nun trug er Zehn Stunden am Tag Pakete aus und verdiente so wenig Geld wie noch nie in seinem Leben.

Bereits nach drei Monaten war ihm klar, dass dies keine dauerhafte Alternative für ihn sein konnte. Abgesehen von seinem permanenten Frust darüber, sich so weit unter Wert verkaufen zu müssen, merkte er auch bald, dass weder sein Einkommen die Familie angemessen ernähren konnte, noch sein Körper diese Strapazen lange durchhalten würde. Manchmal hatte er den Eindruck, dass alle Empfänger seiner Pakete im 5. Stockwerk wohnten. Die Treppensteigerei und der Leistungsdruck setzten Carsten massiv zu.

Er wusste, dass es nicht so weiter gehen konnte und suchte weiter nach einer neuen Tätigkeit.

Nach endlosen weiteren Bewerbungen ergatterte er einen Job mit Ausbildung als Kundenberater bei einer Versicherung. Diese Versicherung hatte ausnahmsweise nicht nach einem Führungszeugnis gefragt.

Wieder setzte sich Carsten auf die Schulbank und machte eine Ausbildung, wieder kämpfte er sich durch.

Er bestand dann nicht nur seine Ausbildung erfolgreich, er wurde auch ein hervorragender Kundenberater und schaffte binnen drei Jahren den Aufstieg zum Teamleiter. Seit dem verdient Carsten wieder ein angemessenes Einkommen.

Heidi hat sich zwischenzeitlich ebenfalls von ihrem Fleischer-Chef getrennt und nach langem Suchen das Glück gehabt, in einem großen Verlag als Sekretärin arbeiten zu dürfen.

Sie haben sich, nachdem endlich Ruhe in ihr Leben eingekehrt war, ein Häuschen in einer ruhigen Gegend in Randberlin bebaut und genießen ihre Freizeit sehr bewusst mit Urlaubsreisen und Ausflügen in die nähere Umgebung.

Alexander ist inzwischen erwachsen, zu Hause ausgezogen und arbeitet als Koch in einem der angesehensten Hotels in Berlin.

Manchmal lädt er Mama und Papa zu einem besonderen Menü im eigenen Haus ein, worüber seine Eltern sehr stolz sind.

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