Der unsichtbare Mann

Der unsichtbare Mann

Es ist noch Sommer, aber ich fröstle fürchterlich, weiß auch nicht so recht, ob das wirklich an der Temperatur liegt.

Mir geht der Gedanke durch den Kopf, dass man sagt, bei Beerdigungen sei immer schlechtes Wetter. Nun ja, vielleicht im Inneren der Beteiligten.

Während ich am Grab meiner Tante stehe, die nur 51 Jahre alt werden durfte, schweifen meine Gedanken immer wieder in nebulöse Erinnerungen ab. Erinnerungen an Begegnungen mit meiner Tante, aber auch Gedankenbruchstücke, die scheinbar nichts mit ihr zu tun haben. Ich bekomme ein schlechtes Gewissen dabei, denn hier geht es doch um die Verabschiedung von ihr.

Ich zwinge mich in die Realität zurück, beobachte alle das Grab umstehenden Menschen. Die meisten kenne ich ja, die liebe Verwandtschaft eben…

Mein Blick bleibt an einem destingiert wirkenden älteren Mann hängen. Er steht etwas abseits von allen anderen und scheint uns unauffällig zu beobachten.

Irgendetwas fasziniert mich an dem Fremden. Er mag Mitte 70 bis Ende 70 Jahre alt sein. Ich fixiere alle Anwesenden, um herauszufinden, zu wem er gehört. Hier am Grab meiner Tante ist das nicht erkennbar.

Meine Gedanken verselbstständigen sich schon wieder und mir fällt ein, dass es Gerüchte gab, wonach meine Tante ein paar Affären hatte, während mein Onkel zur See fuhr.

Diese Gedanken bewege ich hin und her und glaube nicht recht daran, dass dieser Mann ein Geliebter meiner Tante sein kann. Nein, irgendwie passt das nicht, er wirkt auch nicht, wie ein zurückgelassener Geliebter.

Ja, wie wirkt er eigentlich auf mich? Er strahlt eine große Ruhe aus und auch eine allumfassende Traurigkeit. Was mich noch beunruhigt, ist der Gedanke, dass dieser Fremde unglaublich vertraut auf mich wirkt. Wie ist das möglich, ich bin sicher, dass ich ihn nicht kenne.

Während der anschließenden Trauerfeier, davon bin ich überzeugt, werde ich sehr schnell meine Neugier stillen können. Jemand aus der Verwandtschaft wird mich schon aufklären können, wer der Fremde ist.

Ich mache mich also vorsichtig auf, die Verwandtschaft zu befragen und kann die Antworten nicht fassen.

Meine Cousine, die es am ehesten wissen müsste, antwortet mir mit „welcher Mann, ich habe niemanden gesehen“. Nun ja, vielleicht war es doch ein Liebhaber meiner Tante und sie wollte dazu nichts sagen.

Vorsichtig fragte ich weiter in der Verwandtschaft herum. Jedoch gaben mir alle sinngemäß eine Antwort in der Art, sie hätten niemand Fremden gesehen oder sie runzelten verständnislos die Stirn und wussten nicht, wen ich meinen könnte.

So langsam kam ich mir komisch vor, hatte ich auf dieser Beerdigung Halluzinationen gehabt. Es kann doch nicht sein, dass ich jemanden sehe, der sonst keinem auffällt?

Vorerst gab ich meine Fragerei auf, konnte aber den Fremden nicht aus meinem Kopf bekommen.

Am Folgetag der Beerdigung konnte ich mich dann eine Weile mit meiner Oma allein unterhalten. Ihr ging es sehr schlecht, schließlich war ihre Tochter gestorben und sie sah im Moment keinen Sinn in einem weiteren Leben für sich.

Behutsam unterhielt ich mich mit ihr über die Beerdigung selbst und über die Menschen, die mit uns getrauert hatten.

Plötzlich setzte mein Herz fast aus, als meine Oma sagte: „Hast Du den älteren Herren uns gegenüber bemerkt, der dort ganz allein stand und uns ständig beobachtet hat?“

Endlich konnte ich mit jemanden über meine „Erscheinung“ sprechen. Nachdem ich ihr meine Beobachtungen geschildert hatte und meine Frage wiederholte, erzählte sie mir folgende Geschichte:

„Mit 18 Jahren lernte ich den Mann meiner Träume kennen, den Vater Deiner Mutter und Deiner Tante. Er war kein Mann der großen Worte, zurückhaltend, still und bescheiden. Wir haben uns sehr geliebt und wussten, dass wir immer zusammen bleiben wollten.

Die ersten Jahre waren wundervoll. Mein Mann bekam schnell Arbeit als Kutscher, wir erhielten einen kleinen Kredit zur Einrichtung unserer ersten Wohnung.

Bald darauf wurde Deine Tante geboren. Ich blieb zu Hause, wie es damals üblich war und richtete unser Heim behaglich her.

Bereits ein Jahr später wurde ich wieder schwanger mit Deiner Mutter, was unser Glück komplett machte.

Unser Glück dauerte jedoch nicht lange, denn der 2. Weltkrieg brach aus und mein Mann wurde als einer der Ersten eingezogen.

Da er gesund und kräftig war, wurde er der Aufklärungstruppe der Fallschirmjäger zugeteilt. Diese Entscheidung glich schon fast einem Todesurteil, da die Fallschirmjäger als Vorhut im Feindesland absprangen und dann auf sich allein gestellt, sich durch Feindesland kämpfen müssen.

Ich war verzweifelt, aber fast alle jungen Frauen ereilte ein ähnliches Schicksal und so musste ich mich in die Situation fügen.

Ganz fest wollte ich jedoch immer daran festhalten, dass es mein Mann auf wundersame Weise schaffen würde, den Krieg zu überleben und zu uns zurück zu kommen.

Im Verlaufe dieses schrecklichen, nicht enden wollenden Krieges begannen Anfang 1945 die meisten Menschen in unserer Umgebung zu flüchten. Hinterpommern, unsere damalige Heimat, lag im heutigen Polen und war hart umkämpft.

Man machte uns Angst, dass die Russen bereits nahe sind und alle umbringen würden, auch Frauen und Kinder.

Alle aus unserer Großfamilie schlossen sich nun zu einem Track zusammen und begaben sich auf die Flucht in Richtung Westen. Es war Winter und wir waren unter schlimmen Bedingungen wochenlang unterwegs. Kranke starben auf dem Weg, erwachsene Männer wurden aus den Tracks gezogen und zwangsrekrutiert. Wir hatten nur noch einen Gedanken, lebend mit den Kindern irgendwo anzukommen, wo wir Ruhe finden.

Nach vielen Wochen des Herumirrens, wir wurden mehrfach unterwegs aufgeteilt und waren längst in unterschiedlichen Regionen verteilt, landeten meine Kinder und ich auf einem Bauernhof in der Nähe von Braunschweig.

Diese Menschen hatten selbst nicht viel, rückten aber zusammen und gaben uns vorübergehend ein Zuhause. So hatten wir wieder ein Dach auch dem Kopf und etwas zu essen, wofür ich allerdings auch hart mitarbeiten musste.

Am Tage half ich auf dem Feld und im Stall und in der Nacht nähte ich für fremde Leute, damit wir ein wenig Taschengeld hatten. Denn für meine Arbeit bei den Bauern erhielten wir drei lediglich freie Kost und Logis.

Monate später fanden wir über den Suchdienst des Roten Kreuzes meinen Vater und seine zweite Frau wieder. Sie waren bei Stralsund gelandet und hatten dort ein kleines Häuschen angemietet. Mehrfach forderten sie mich auf, doch zu ihnen zu kommen mit den Kindern.

Dem folgte ich auch, sobald die Möglichkeit dazu bestand. Denn auf Dauer konnten wir den Bauern, bei denen wir untergekommen waren, nicht zur Last fallen. Der Gedanke, Unterstützung mit meinen beiden Kindern zu bekommen, war für mich auch verlockend.

Endlich nach endloser und mühsamer Reise angekommen im Norden, konnten wir ganz langsam wieder ein halbwegs normales Leben aufbauen. Wir waren inzwischen selbst Bauern geworden, da uns dies als sicherste Überlebensmöglichkeit erschien.

Die Bewirtschaftung von Feldern und Viehzeug war eine Arbeit, die sehr über meine Kraft ging und mein Vater sowie seine Frau waren auch nicht mehr gesundheitlich in der Lage, wirklich harte Feldarbeit zu verrichten.

In dieser Zeit, wir schrieben bereits das Jahr 1948, wartete und hoffte ich weiterhin ständig, etwas von meinem Mann zu hören. Ich nutzte alle Such-Möglichkeiten, fragte ständig nach, wenn jemand jetzt noch aus dem Krieg zurückkam.

Eines Tages erhielt ich endlich ein Schreiben vom Militärministerium und hoffte inständig zu erfahren, dass mein Mann irgendwo verletzt in einem Lazarett liegen und in absehbarer Zeit wieder bei uns sein würde.

Dieses Schreiben bekundete allerdings in emotionslosem Amtsdeutsch, dass mein Mann nunmehr seit 2 Jahren vermisst wird und Kameraden seinen Tod bestätigt haben. Er wurde somit offiziell für tot erklärt. Sie sendeten mir sogar noch ein kleines Päckchen mit seinen wenigen Habseligkeiten nach. Eine Welt brach für mich zusammen. All die Jahre hatte ich durchgehalten, nur um auf meinen Mann zu warten, mit dem ich die Landwirtschaft führen und ein neues Leben beginnen wollte.

Dieser Traum sollte nun vorbei sein? Ich konnte es nicht glauben, und tief in meinem Inneren war ich überzeugt, dass mein Mann noch lebt und uns irgendwann finden wird. Ein weiteres Jahr verfolgte ich alle Suchmeldungen und fragte überall herum, wo ich nur irgendwie Neuigkeiten erhoffen konnte.

Mein Mann blieb verschwunden, war für tot erklärt, das Leben musste weiter gehen.

In meinem Umfeld gab es meinen Mann, der bereits seit längerer Zeit um mich warb.

Bisher hatte ich ihn nicht beachtet, aber als Frau war es in dieser Zeit sehr schwer, eine Landwirtschaft zu bestellen und zwei Kinder zu versorgen.

So kam irgendwann die Zeit, in der sein Werben Erfolg hatte und ich mich mit ihm zusammen tat. Es war keine Liebe, niemals hätte ich jemand andern lieben können als meinen Mann. Aber das Leben forderte seine Attribute an uns und mir erschien dieser Schritt sinnvoll, einen körperlich gesunden, kräftigen Mann an meiner Seite zu haben.

Mit ihm zusammen konnten wir die Landwirtschaft bewältigen und bald war nicht mehr jeder Tag nur ein Kampf ums Überleben. Ich bekam sogar noch einen Sohn aus dieser Verbindung, Deinen Onkel wie Du ja weißt.

In den 50er Jahren wurde das Leben für uns alle etwas erträglicher und lief in ruhigeren Bahnen. Glücklich war ich nach wie vor nicht, aber ich hatte auch Verantwortung für meine Kinder und dieser Gedanke hielt mich stets aufrecht.

Im Norden des Landes, im heutigen Vorpommern, hatte sich im Laufe der letzten Jahre wieder fast unsere gesamte Großfamilie eingefunden und traf sich ab und zu beim Feiern.

Eine Cousine von mir berichtete, dass sie in der Nähe von einem Mann gehört habe, der seine Familie sucht. Dieser Mann hätte meinen ehemaligen Familiennamen genannt.

Sie konnte mir allerdings nichts Näheres dazu sagen. In der Folgezeit häuften sich die Gerüchte, dass immer mal wieder jemand aus unserer Sippe etwas gehört oder gesehen haben wollte über meinen ersten Mann.

Das machte mich ganz verrückt und ich ließ ihn wiederum über die Medien zur Suche ausrufen. Wenn er es wirklich war und er zu uns zurück wollte, würde er uns nun finden. Davon war ich überzeugt. Wieder vergingen ängstlich wartende Wochen und Monate, aber nichts geschah.

So nach und nach musste ich mir eingestehen, dass ich meinen Mann nie wieder sehen würde. Ich musste endlich meine Ruhe finden.

Nie habe ich ihn ganz aus meinem Herzen und aus meinen Gedanken lassen können. Immer war ich der Überzeugung, er lebt hier irgendwo.

Und gestern am Grab, davon bin ich fest überzeugt, stand der Vater Deiner Tante dort am Grab und hat sich von ihr verabschiedet. Ich habe es immer gewusst, dass er lebt und von uns weiß.“

Nachdem ich lange über die Geschichte nachgedacht habe, fragte ich nach:

„Aber warum ist er denn dann nicht zu Euch zurückgekommen, Oma?“

„Ja, weißt Du, ich kann es mir nur so erklären: Dein Opa war ein sehr feinfühliger ruhiger Mensch. Als er nach so vielen Jahren aus der Kriegsgefangenschaft oder sonstigen Kriegswirren zurück war, hat er uns sicher gesucht und auch gefunden. Nur, was er gefunden hat, wird ihm wohl nicht gefallen haben. Er fand eine neue Familie vor mit noch einem weiteren Kind. Und er selbst war dieser Frau und den Kindern doch nach so endlosen Jahren sehr entfremdet.

Ich denke mir, dass er diese neue Familie nicht wieder zerstören wollte für den unsicheren Versuch, sich selbst wieder in diese Familie einzubringen.

Ich wünsche mir für ihn, dass er eine neue Liebe, eine neue Familie gefunden hat und glücklich mit ihr sein kann; glücklicher als ich es bis heute bin.“

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