Kuckucks Familie

Kuckucks Familie

In wenigen Tagen habe ich Jugendweihe!

Eigentlich müsste ich mich darauf freuen, denn immerzu bekommen wir gesagt, dass wir dann den ersten Abschnitt ins Erwachsenenalter beginnen, dass wir einen eigenen Personalausweis bekommen und und und…

Das hört sich schon irgendwie spannend an, nicht mehr nur Kind zu sein. Ich träume auch davon, zur Disco zu gehen, länger abends draußen bleiben zu dürfen, ins Kino für Filme ab 16 Jahre zu dürfen (na ja, noch nicht sofort aber bald) und ein paar Entscheidungen allein treffen zu dürfen. Das alles erzeugt schon ein gewisses Kribbeln in meinem Bauch und ich kann es kaum erwarten.

Jedoch wird meine Aufregung ein wenig gedämpft im Moment, denn meine Eltern verhalten sich total komisch in letzter Zeit.

Sie tuscheln ständig miteinander und geben sich ganz belanglos, sobald ich auftauche.

Sie wiegen immer wieder sorgenschwer die Köpfe hin und her und ziehen ihre Stirn in Falten als ob die Welt eine einzige große SORGE wäre.

Sie behandeln mich auf der anderen Seite überfürsorglich, überliebevoll, überverständnisvoll und scheinen mir jeden Wunsch von den Augen ablesen zu wollen. Und das, wo mein Vater ansonsten bekannt ist für außergewöhnliche Strenge mir gegenüber.

Solcherlei Anwandlungen meiner Eltern verunsichern mich sehr. Was soll ich davon halten? Welches Geheimnis steckt nur dahinter? Wollen Sie sich etwa scheiden lassen wie die Eltern von meiner besten Freundin Lissi?

Ich nehme mir vor, unbedingt hinter das Geheimnis zu kommen, das meine Eltern umtreibt.

Heute habe ich mich bereits zweimal herangeschlichen, um ihr Getuschel aufzuschnappen. Da war die Rede von „…wie sollen wir es ihr nur beibringen…“ und „… ich habe große Angst vor ihrer Reaktion…“ und „… wenn sie nun abhaut….“

Das wird mir immer unheimlicher. Von wem reden meine Eltern eigentlich? Was macht sie so fertig und ängstlich? Ich konnte mir keinen Reim darauf machen, begann aber die Wortfetzen hin und her zu wälzen in meinem Kopf und wurde selber ganz trübsinnig dabei.

Ich wollte meine Eltern glücklich sehen, so gelassen und fröhlich wie bisher. Deshalb beschloss ich, sie einfach zu fragen. Irgendwas müssen sie mir ja antworten, dachte ich bei mir.

Am folgenden Tag, als beide wieder überfreundlich auf mich zukamen und fragten, ob es mir gut gehe, ob mir nichts fehle, ob wir was Schönes nach der Schule unternehmen wollen, ergriff ich die Gelegenheit beim Schopfe und stellte meine Frage.

Sichtlich erschrocken prallten meine Eltern förmlich vor mir zurück. Mit aufgerissenen Augen stammelten sie unverständliche Brocken und stritten schließlich jegliche Probleme oder Sorgen ab. Ich würde mir das alles nur einbilden in meinem jugendlichen Überschwang, meinten sie. Sie wären doch wie immer, Erwachsene wären halt manchmal komisch, schätzten sie sich selbst ein.

Na das gab mir ja erst einmal den letzten Rest. Seit wann geben meine Eltern etwas zu? Und außerdem hatte ich nun das Gegenteil von dem erreicht, was ich eigentlich bezweckt hatte. Keineswegs waren die Eltern nun wieder wie früher.

Durch ihre neue Macke, mir nicht zeigen zu wollen, dass sie überbesorgt waren, verbogen sie sich nun noch mehr und wurden für mich zu „gekünstelten“ Figuren.

Meine Güte, wie konnte ich das nun wieder in den Griff bekommen?

Inzwischen hatte ich die Idee, dass hinter allen Sorgen und Problemen der Erwachsenen meist ein Schreiben oder ähnliches steckt, welches sie erhalten haben mussten.

Als meine Eltern beide nicht zu Hause waren, fing ich mit der Suche nach irgendeinem wichtigen Schreiben an. Systematisch durchsuchte ich die ganze Wohnung, obwohl ich nicht genau wusste, wonach ich suchte.

Nachdem ich stundenlang erfolglos gesucht hatte, blieb nur noch der Tresor meiner Eltern übrig. Na klar, wichtige Schriftstücke mussten ja einfach im Tresor liegen. Da hätte ich auch gleich drauf kommen können. Schön und gut, aber wie bekomme ich den Tresor nun auf?

Ich holte mir erst einmal ein paar Stückchen Schokolade, damit ich besser denken kann und kaute gedankenverloren darauf rum. Hatte ich eine Chance, an das Innere des Tresors zu kommen? Wie clever waren meine Eltern wohl in der Wahl ihres Codes? In der Schule haben uns die Lehrer immer eingeimpft, niemals einfach zu ermittelnde Passwörter wie Geburtsdatum, Namen oder persönliche Angaben zu wählen. Aber genau das könnte mein Schlüssel zum Code sein.

Ich glaube nicht, dass meine Eltern sich an solche Regeln halten und wenn ich Recht habe, hatte ich vielleicht eine Chance.

Da der Code nur die Eingabe von Zahlen zulässt, fielen die Namen schonmal weg.

Ich versuchte es mit dem Geburtstag meines Vaters, vorwärts und rückwärts – nichts!

Ich versuchte es mit dem Geburtstag meiner Mutter, vorwärts und rückwärts – nichts!

Ich versuchte es mit meinem Geburtstag vorwärts und….. ohhhh halt, der Tresor ist auf… Juchuuuuuu deeeer Treeesor ist auf!!!!!!!!!!

Na klar, war doch eigentlich auch logisch, dass meine Eltern das Geburtsdatum ihres einzigen Kindes wählen. Da hätte ich auch gleich drauf kommen können.

Ja egal, nun mal nachsehen, was drin ist.

Zuoberst lagen 275 Euro Bargeld (oh, so viel Geld, was könnte ich mir davon alles kaufen…), dann kamen die Geburtsurkunden von uns allen (na das ist ja uninteressant), Versicherungsverträge (blättere ich auch recht uninteressiert durch) und ein Testament meiner Eltern.

Enttäuscht denke ich, so ein langweiliger Kram im Tresor, da hätte ich mir spannendere Unterlagen vorgestellt. Vorsichtig lege ich alles in der richtigen Reihenfolge wieder hinein damit meine Eltern nichts merken. Die Mappe mit den Geburtsurkunden fällt mir auch noch aus der Hand, Mist!

Als ich sie wieder aufhebe, stutze ich. Sie ist auf einer Seite aufgesprungen, auf der ein fremder Name steht. Neugierig schaue ich genauer drauf. Da steht „Luisa Schneider, geboren am 09.09.1998 in Magdeburg“. Komisch, denke ich, wer ist das? Ich habe den Namen noch nie gehört und verstehe nicht, warum solch ein Dokument bei meinen Eltern im Tresor ist. Am merkwürdigsten ist jedoch die Tatsache, dass diese Luisa genau auf den Tag so alt ist wie ich.

Aufgeregt kaue ich auf meiner Unterlippe und grüble darüber nach. Könnte ich eine Zwillingsschwester haben? Und wenn ja, wo ist sie jetzt? Meine Eltern könnten doch niemals ein Kind weggeben! War meine Zwillingsschwester etwa schwer krank oder behindert und wohnt in einem Heim? Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir sie dann nie besucht hätten! Ist sie vielleicht gestorben bei der Geburt? Das muss es sein, eine andere Erklärung gibt es überhaupt nicht dafür. Aber warum hat mir das nie jemand erzählt? Wollten sie mich schonen? Könnte das mit ihrem komischen Verhalten in letzter Zeit zusammen hängen? Aber warum dann jetzt erst? Lebt sie vielleicht doch und hat sich vor kurzem gemeldet?

Oh, mir wird ganz mulmig zumute bei so vielen Rätseln.

Ich bin so vertieft in meine Grübeleien mit der Geburtsurkunde dieser „vielleicht Zwillingsschwester“, dass ich nicht bemerke, dass ich beobachtet werde. Meine Eltern stehen in der Tür und starren auf mich und die Urkunde.

Ich bekomme einen Riesenschreck, denn den Tresor zu öffnen, bedeutet in unserer Familie einen Riesen-Vertrauensbruch. Mit eingezogenem Kopf erwarte ich den Hereinbruch eines Donnerwetters von meinem Vater. Aber alles bleibt ruhig. Meine Eltern sind immer noch wie erstarrt. Mein Gewissen wird noch schlechter und ich überlege mir gerade fieberhaft eine Entschuldigung für mein Verhalten. Durch den Schreck fällt mir jedoch keine vernünftige ein.

Nun fängt plötzlich meine Mama lautlos an zu weinen und zittert am ganzen Körper. Ich bin verzweifelt, was habe ich nur angerichtet?

Mein Papa atmet mehrmals tief durch, umfasst meine Mama an den Schultern und sagt zu mir: „Susi, nun hast Du es also allein herausgefunden, es tut mir so leid. Wir wollten es Dir immer schon sagen, haben es aber nicht geschafft. Wir hatten solche Angst, dass Du uns dann hassen könntest oder ausreißt.“ Seine Augen schauten total traurig und verzweifelt aus.

„Aber was soll ich herausbekommen haben“ wisperte ich ängstlich. „Habe ich wirklich eine Zwillingsschwester? Ist sie tot?“

Ungläubig und entsetzt schauen beide mich an. Mama hört sogar kurz auf zu weinen. „Was für eine Zwillingsschwester? Wovon redest Du, um Gottes willen, Kind?“ kreischt Mama regelrecht auf.

Ich versuche stammelnd meine Erkenntnisse wieder zu geben und verheddere mich dabei ein paarmal. Wieder lähmende Stille im Anschluss.

Auf einmal kommt ein befreiendes raues Lachen aus Papas Kehle und Mama stimmt kurz darauf wie eine Ziege meckernd in sein Lachen ein.

Ich verstehe nun überhaupt nichts mehr und zweifle fast schon am Verstand meiner Eltern.

Endlich beruhigen sie sich und setzen zu einer Erklärung an. Zum Glück ist durch die letzte Situation die Anspannung ein wenig von allen abgefallen.

Mit aufgerissenen Augen (und Ohren) höre ich mir ihre Geschichte an:

„Susi, eines musst Du uns glauben, wenn wir Dir jetzt die Wahrheit über Dich erzählen. Wir lieben Dich beide über alles auf der Welt und würden Dich für nichts wieder hergeben. Du bist unser größter Schatz.“

Meine Güte, denke ich, das hört sich ja dramatisch an, ich weiß doch, dass sie mich lieben, bin ja schließlich ihr Kind. Schließlich nicke ich nachdenklich und warte ab, wie es weiter geht.

„Also Susi, die Sache ist folgende. Deine Mama und ich haben uns als junge Leute so sehr Kinder gewünscht, besonders Mama hatte kaum Raum für andere Gedanken mehr. Wir versuchten es auch ziemlich lange, dass Mama schwanger wird, aber es wollte immer nicht klappen.

Nach vielleicht 2 Jahren glaubte Mama dann, endlich schwanger zu sein, hatte aber immerzu mächtige Bauchschmerzen und Krämpfe. Als sie schließlich zum Arzt ging, stellte der eine Bauchhöhlenschwangerschaft fest.

Du musst wissen, Susi, das die nicht ungefährlich ist und Mama daraufhin operiert werden musste. Dabei stellten die Ärzte auch fest, dass ihre Eileiter chronisch verklebt sind und damit die Chance auf eine erfolgreich ausgetragene Schwangerschaft äußerst gering ist.

Wir waren am Boden zerschmettert und wussten nicht weiter. Nach ein paar Monaten hatte sich Mama wieder etwas gefasst und teilte mir einen Beschluss mit, den sie gefasst hatte.

Wir versuchen es noch ein weiteres Jahr mit dem Kinderkriegen. Sollte es in dieser Zeit nicht klappen, dann müssen wir unseren Wunsch begraben.

Ich willigte ein, teilweise schon deshalb, um ihr neuen Lebensmut zu geben.

Fünf Monate später fühlte Mama wieder etwas in sich, was anders war als sonst. Ihre Regel war auch schon 2 Monate ausgeblieben. Sie traute sich kaum zum Arzt aus Angst, er könnte ihre aufkeimende Hoffnung wieder zerstören.

Ihr Gefühl hatte sie jedoch nicht betrogen, eine Schwangerschaft wurde festgestellt und Mama schwebte in der Folgezeit auf Wolke sieben.

Das war ich bestimmt, dachte ich so bei mir und freute mich innerlich. Aber den Redefluss meines Papas wagte ich nicht zu unterbrechen.

Um es kurz zu machen, sagte Papa, nach der entsprechenden Zeit wurde ein Junge geboren, den wir glücklich Steffen nannten.

Ein Junge, grübelte ich, wie geht das denn, ich begreife gar nichts mehr.

Du kannst Dir ja denken, dass unser Glück vollkommen war und wir die folgenden Wochen wie im Rausch durchlebten. Ich fuhr ja damals noch zur See, also nahm ich mir für eine Seereise eine Auszeit, um das große Glück genießen zu können.

Wir rissen uns förmlich um Steffen, weil wir ihn beide nie genug herzen und knuddeln konnten.

An einem Dienstag im November schliefen wir alle ungewöhnlich lange, denn es war kalt, dunkel und diesig draußen. Als wir endlich gegen halb neun erwachten, wunderten wir uns. Bisher hatte uns Steffen immer gegen fünf bis sechs Uhr aus den Federn geholt mit seinem morgendlichen Gebrüll. Heute war er noch immer still, was in uns beklemmende Gefühle auslöste. Ich stand schließlich auf und wollte ihn zu uns ins Bett holen zum Kuscheln.

Als ich in sein Bettchen schaute, blieb mir das Herz förmlich stehen. Steffen war ganz blau angelaufen und atmete nicht mehr. Ich ging leise ganz dicht an ihn heran und wollte unbedingt ein Lebenszeichen aus ihm „herauskitzeln“. Innerlich hatte ich jedoch bereits erfasst, dass mein kleiner Goldschatz nicht mehr lebte.

Ich sackte auf der Stelle in mich zusammen und war zu keinem Gedanken mehr fähig. Dumpf hockte ich vor dem Bettchen zusammen gekrümmt und starrte Steffen an.

Nach einer Weile muss Mama sich wohl gewundert haben, wo ich bleibe und kam dazu. Durch ihren schrillen, hysterisch anmutenden Schrei kam ich wieder etwas zu mir. Sie schrie und schrie und schüttelte Steffen, als ob er davon wieder erwachen würde. Es war einfach grauenvoll. Irgendwann musste ich ihr unseren Sohn aus den Armen entreißen und sie ohrfeigen, damit sie mit dem Schreien aufhört.

Ich hielt die Hände vor den Mund gepresst und musste ebenfalls einen Aufschrei des Entsetzens unterdrücken.

Susi, Du kannst uns glauben, diese Zeit war die schrecklichste unseres Lebens. Ich weiß nicht, wie wir die Beerdigung dieses kleinen Körpers überlebt haben und wie die nächsten Monate verlaufen sind. Alles war im Nebel versunken. Wir konnten uns auch schlecht gegenseitig trösten in unserer Verzweiflung.

Schließlich fuhr ich irgendwann wieder zur See, damit ich ein wenig Ablenkung hatte. Das Leben musste ja irgendwie weiter gehen.

Für Mama wurde es jedoch zu einer harten Bewährungsprobe in der Folgezeit. Nicht nur alle Freunde und Bekannte hatten inzwischen mindestens ein Kind.

Schlimmer noch war, dass meine eigene Schwester inzwischen 6 Kinder hatte und ein 7. unterwegs war, ohne dass sie es wollte, und ihre Schwester inzwischen mit dem 3.Kind schwanger war. Das alles so nah in der Verwandtschaft zu erleben, war richtig hart für Mama.

Schon bei den ersten beiden Kindern ihrer Schwester hatte Mama sie zur Geburt jeweils besucht und in den ersten Tagen unterstützt.

Für die Geburt des 3. Kindes hatte sie sich auf Nachfrage angeboten, während der Entbindungszeit auf die beiden großen Kinder aufzupassen. Das musste für sie eine unglaublich schwierige Situation gewesen sein, an der sie fast zerbrach. Sie wollte es jedoch trotz allem tun.

Zwei Wochen nach der Geburt des 3. Kindes ihrer Schwester wurde Mama dann zu meiner Schwester gerufen, um sich auch dort während der Geburt mit um die anderen Kinder zu kümmern.

Es war für sie fast nicht zu ertragen, dass meine Schwester ihre Kinder nur als Belastung ansah und ihr Neugeborenes kaum wahrnahm, geschweige denn, ihm Liebe gab.

Mama, die selten an anderen Kritik übte, sagte dies aber dann doch meiner Schwester, dass diese gar nicht wüsste, welch ein Glück sie im Leben hätte durch ihre Kinder. Meine Schwester lachte sie aus und sagte, sie könne sich wirklich etwas Besseres vorstellen im Leben als einen Sack voller Gören, die den ganzen Tag herumlärmen, Hunger haben oder etwas anderes von ihr wollen.

Mama war entsetzt und verwickelte meine Schwester in eine Diskussion darüber.

Schließlich sagte meine Schwester genervt: „Na wenn Du wirklich so viel Wert darauf legst, nimm die Kleine (das Neugeborene) doch mit. Ich schenke sie Dir.“

Mama war fassungslos über solch eine Einstellung. Sie nahm das Neugeborene in den Arm, wiegte es sanft hin und her und heulte dabei. Sie wagte es nicht wirklich, die Worte meiner Schwester ernst zu nehmen. Aber diese Worte ließen sie auch nicht mehr los.

Am nächsten Tag fragte sie meine Schwester nochmals, ob das Angebot ihr Ernst ist. Als diese bejahte, wagte Mama das erste Mal nach langer Zeit wieder, mit etwas Hoffnung in die Zukunft zu schauen.

Susi, jetzt ahnst Du sicher schon, dass von Dir die Rede ist, oder?

Ich schnaufte tief durch, hatte zwischendurch das Atmen fast vergessen und hörte immer noch hoch angespannt zu, wie die Geschichte weiter geht. Mit mir brachte ich sie gefühlsmäßig nicht gar nicht richtig in Zusammenhang.

Jedenfalls schickte mir Mama dann ein Telegramm, dass ich sofort nach Hause kommen solle, da etwas großartiges passiert sei. Darauf konnte ich mir nun wirklich keinen Reim machen. Ich war sehr unruhig, wusste aber, dass ich wirklich alles in Bewegung setzen musste, um von Bord zu kommen in Richtung Heimat.

Zu Hause angekommen, war Mama bereits mit Dir zusammen da. Sie hatte Dich sofort mitgenommen, damit meine Schwester es sich nicht womöglich noch überlegt.

So schnell es ging, haben wir die Adoption in die Wege geleitet und alles schriftlich geklärt. Seit dem bist Du unser Kind und unser ganzes Glück auf Erden, kannst Du es nun verstehen?“

Erwartungsvoll und ängstlich schauten beide mich an. Ich musste natürlich sehr viel verdauen, hatte aber sofort ein riesiges Glücksgefühl im Bauch.

Dumpf kam in mir der Gedanke hoch, welches Glück auch ich wohl gehabt haben muss, solche Eltern zu bekommen.

Ich umarmte beide sehr innig, musste vor Rührung erst einmal weinen und sagte ihnen, wie lieb ich sie habe und dass nur sie meine Eltern seien.

Beide schienen erleichtert darüber und sanken nun erst einmal erschöpft in unsere Couchgarnitur.

Vorerst war das große Rätsel um das seltsame Verhalten meiner Eltern geklärt. Sie hatten nämlich mit großer Unruhe dem Tag entgegen gesehen, an dem ich meinen ersten Personalausweis bekommen sollte. Dazu war ja die Vorlage der Geburtsurkunde wichtig, die in mir dann viele Fragen aufgeworfen hätte. Die ganze Zeit über trugen sie nun die Last mit sich herum, wie sie mir meine Herkunft erklären sollten.

Nach diesem Tag fiel eine gewaltige Anspannung von uns allen ab und ich konnte endlich meiner Jugendweihe mit ungebremster Vorfreude entgegen sehen.

Meine Eltern und ich sprachen in der Folgezeit auch viel offener miteinander und ich hatte das Gefühl, auch ich wurde ein wenig ernster genommen als zuvor.

Dadurch konnten wir auch die letzten Zweifel meiner Eltern ausräumen. Sie hatten all die Jahre geglaubt, ich würde von zu Hause ausreißen, wenn ich von meiner Herkunft erfahre, und meine ursprüngliche Familie suchen wollen.

Dazu hatte ich, ehrlich gesagt, keinerlei Lust. Ich kannte diese Leute überhaupt nicht. Und wenn ich darüber nachdenke, wie meine sogenannte „Mutter“ mit mir als Säugling umgegangen ist, hielt sich mein Verlangen sie kennen zu lernen, wirklich stark in Grenzen.

Das sagte ich meinen Eltern auch und sie bekamen immer wieder feuchte Augen vor lauter Freude und Rührung. Außerdem traute ich mich in den nächsten Wochen gar nicht recht, schnell mal zickig zu reagieren, wenn mir eine Entscheidung der Eltern nicht passte. Meist fiel mir dabei sofort wieder ein, was für ein Glück ich doch mit den Beiden habe und mein „Gezicke“ löste sich quasi in Luft auf.

 

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